Zwei Briefe, keiner für dich

Zwei Briefe, keiner für dich

Falls du das hier gerade liest und der Beitrag schon in die Jahre gekommen ist. Hier die aktuellen Umstände: Das Coronavirus hat die Welt im Griff. Es gibt 788.522 infizierte Menschen auf der Erde. In den Medien dominiert das Thema bei Weitem und in den Köpfen der Unternehmer und Geschäftsführer baut sich ein Bedürfnis auf, sich zu dem Thema den Kunden und der Welt mitteilen zu müssen.

Mittlerweile wurden durch mich bereits zwei Briefe bei mir beauftragt, die an Kunden und Geschäftspartner versendet. Im ersten Brief ging es noch recht pragmatisch zu. Es wurden organisatorische Besonderheiten der Situation erklärt und Zuständigkeiten teils umgeleitet, um in dieser Zeit keine zu hohen Spitzen bei den Work-loads zu haben. Man hat die Kunden informiert, wie es im Unternehmen weitergehen kann, sollte es zu einem Shutdown kommen. Sei es durch die Regierung oder durch Krankheitsfälle. Naturlich durften auch schöne kleine Bildchen über die Hygieneregeln nicht fehlen. So weit, so sinnvoll.

Nun wurde noch ein zweiter Brief bei mir im Marketing “in Auftrag” gegeben. Ein zweiter Brief vom Unternehmen an die Geschäftspartner und Kunden. Darin sollte hauptsächlich auf emotionaler Ebene eine persönliche Note vermittelt werden. Im Grunde habe ich nichts gegen diese Maßnahme. Am Ende ist auch ein schöner Brief dabei herausgekommen. Mit viel Emphatie und Fürsorge konnte das Unternehmen in ein Licht gesetzt werden, das dem Kunden vermittelt: “Alles wird gut, wir sind für dich da.”

Meine große Sorge, die lediglich zur Kenntniss genommen wurde, war, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens dadurch im Umkehrschluss sich nicht wertgeschätzt fühlen. Denn für sie gab es keinen Brief. Nur eine Intranetseite mit Informationen, die es zwei Tage vorher bereits vom Robert-Koch-Institut gab.

Warum bekommen die Kunden zwei Briefe mit aufmunternden Worten und ich komme hier zur Arbeit und halte den Laden am laufen, obwohl nichtmal alle Hygienemaßnahmen eingehalten werden, die die Geschäftsführung selbst aufstellt?

– Mitarbeiter aus der Fertigung

Am Ende kann man nur darüber mutmaßen, ob ein solches Verhalten in der Zukunft bei Bewerbern auswirkungen zeigt. Vielleicht hat man so mit der Coronakrise eine große Chance vertan, sich als einen Arbeitgeber zu zeigen, der sich für die Mitarbeiter verantwortlich fühlt. Mit zwei Briefen für Kunden und nichts für die Mitarbeiter spricht es eine eindeutige Sprache, was das “Humankapital” angeht. Der Fachkräftemangel steht schon länger vor der Tür und dennoch bleibt weiterhin der Kunde König. Hier zeigt sicht, dass das Marketing heutzutage auch wesentlich dazu beitragen sollte, um die Unternehmensidentität genauso nach Innen, wie nach Außen zu tragen.

Aus meinem Freundeskreis kann ich sagen, dass der Umgang mit der Coronakrise langfristig etwas ist, was bei der Arbeitgeberwahl berücksichtigt wird. Kein Arbeitsplatz ist so wichtig, dass man dafür seine Gesundheit aufs Spiel setzen müsste. Kein Geld der Welt vermag es, körperliche Schäden aufzuwiegen.

Um es auf einen Punkt zu bringen: Wer es nicht für nötig hält, sich vollumfänglich um seine Angstellten zu kümmern, der hat es auch nicht verdient, sich um Kunden zu kümmern.

Ob Mitarbeitermarketing, Employer branding, Mitarbeiterbindung oder Unternehmenskultur. Viele Wege führen dazu, dass ein Mitarbeiter gerne zur Arbeit kommt. Ignoranz und Gleichgültigkeit sind keine davon.

Update: 26.04.2020
Nach einigem Hin und Her konnte ich dann doch einen Brief für die Mitarbeiter fertig machen. Sogar für ein kleines Addon in Form eines kleinen Engel-Schlüsselanhängers wurde Budget freigegeben. Die Rückmeldungen aus der Belegschaft waren durchweg positiv. Es wurde als ein ganz starkes Zeichen empfunden. Ich freue mich, dass hier auf das Marketing gehört wurde.

Ruben Vorwald

Baujahr 1988. Erst Mediengestalter - seit 2019 Medienfachwirt. Tobt sich gerne mit diversen Formaten aus und fühlt sich zwischen allen primären, sekundären, tertiären und quartären Medien am wohlsten. Mit Spieltrieb und Experimentierfreude präsentiert er als Websmiler seine Eskapaden aus der Medienwelt.

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